Twitter: ‘Mehr wert’ oder Mehrwert? 2

Wieder habe ich – zugegeben – gerne einen Abend auf Twitter verbracht.
Immer wieder spannend, rührseelig, unterhaltsam und interessant zugleich.
Man liest Aussagen von Leuten, die man niemals zuvor kannte und – vielleicht – auch nie wieder sehen wird, aber gerade das macht die Spannung aus.

Doch je mehr ich mich umgesehen habe, umso mehr bin ich erstaunt. Da folgen gar nicht wenige Twitterer 1.000 und mehr anderen Twitterern und haben selbst 1.000 und mehr Twitterer.

Das führte mich zu den folgenden Fragen:

  • Wann ist ein Twitterer ein “wertvoller” Twitterer? Kann man das überhaupt sagen?
  • Wenn er möglichst viele Tweets liefert?
  • Wenn er möglichst viele Follower hat?
  • Wenn er selbst abertausenden Twitterern folgt?

oder ganz einfach:

Was ist “Erfolg” beim Twittern?

Um sich dem Kern des Themas nähern zu können, sollte man die Umstände genauer betrachten.
Wunderschöne Statistiken zeigen jede Woche, welche Twitterer die (vermeintlich) “erfolgreichsten” sind.
Twopcharts und viele andere Services liefern Statistiken, die das Web-Volk offensichtlich begehrt – gemessen an den tatsächlichen Followern, den neu hinzugekommenen Followern, den veröffentlichten Tweets und und und…

Meines Erachtens ist aber “Erfolg” beim Twittern die Kunst, Menschen zu binden – sie zu fesseln und sie dazu zu bringen, den Tweets im wahrsten Sinne des Wortes zu “folgen” (und nicht nur zu konsumieren).

Die meisten Tweets drehen sich dabei um private Infos.
Der eine Tweet “informiert”, dass er gerade einem persönlichen Bedürfnis nachgehen muss.  Der andere weist darauf hin, dass er oder sie gerade die Wohnung verlässt und wieder ein anderer Tweet berichtet, dass er das selbe Fernsehprogramm wie ich sieht und lässt seine Meinung dazu ab.

Aber auch professionelle Inhalte werden gezwitschert (ein Großteil davon befindet sich in den oben genannten Charts) und binden viele andere Twitterer.

Doch an diesem heutigen Abend habe ich mich auch gefragt, was macht das Phänomen Twitter aus und warum “followe” ich einem mir bislang unbekannten Twitterer, um die Äußerungen regelmäßig und ohne Unterlass angezeigt zu bekommen?

Twitter und die Authentizität

Es ist das lebensnahe Element – die Welt “da draußen”, von der ich mich bei jedem meiner Blogeinträge verabschiede.
Professionell wird diese Lebensnähe auch als “Authentizität” bezeichnet, die uns das Gefühl gibt, dabei oder gar ein Teil von ihr zu sein.
Doch es ist nicht nur ein Gefühl – es ist die Realität oder zumindest ein erheblicher Anteil an dieser.

Leider (t)wittern aber einige Agenturen das große Geschäft darin – ganz nach dem Motto:
Endlich können wir zig-tausend Leute gleichzeitig erreichen, kostenlos und ohne großen Aufwand!
Werbung ist schließlich dafür da, dass sie unters Volk kommt – wozu sonst?

“Denn sie wissen nicht, was sie tun”

Also wird losgetwittert und jede noch so unbedeutende Werbe-Botschaft über diesen herrlichen “Kanal” verbreitet.
Doch was die oben genannten Agenturen nicht ahnen können ist, dass der private Tweet eines Users, der gerade den Müll rausbringt, mehr interessiert und mehr Unterhaltungswert besitzt, als jede noch so schön auf 140 Zeichen getrimmte Werbe-Platitüde.
Der “Unfollow”-Button ist eben nur zwei Klicks entfernt…

Und schon sind wir wieder beim Content, “echtem” Content – eben “Mehrwert”.
Ich höre schon wieder das Gestöhne:
Unsere Werbe-Botschaft ist doch mehr wert als das Gelaber von Michaela aus Castrop-Rauxel!

Falsch gedacht!
Michaela aus Castrop-Rauxel (Gibt’s Dich eigentlich? ;)) ist eine reale Person, die authentisch (da sind wir wieder bei der Lebensnähe!) das widergibt, was ihr gerade widerfährt.

Während ich nämlich vor dem PC sitze, geht Michaela in die Küche, um ihrem Sohn “Spaghetti Bolognese” zu kochen, Peter freut sich wie ein Kind über das Tor von Bayern gegen Stuttgart und Susanne muss eben noch mal ein paar allgemeine Gedanken im Zug von der Arbeit loswerden.

Keine Werbung – bitte!

Twitter selbst kommt nämlich gänzlich ohne Werbung aus… spannend, nicht wahr?
Da ist die Hälfte des Bildschirms leer – außer vielleicht (m)einem Hintergrundbild.

Für einige Agenturen der blanke Horror – vergeudeter Platz, den man doch soooo herrlich mit Werbung “zukleistern” könnte.
Tja, aber eben das macht auch Twitter aus… ein Ort für das “Persönliche”.
Klingt irgendwie pathetisch, ich weiß, aber ich befinde mich auf einer Plattform, auf der ich nicht ständig in schrillen Farben, Tönen oder Videos daran erinnert werde, dass ich dringend eine kostenlose Probefahrt mit dem neuesten Auto des Herstellers XYZ machen oder doch einfach mal eben mein Konto bei der Bank eröffnen sollte, die “nur” einen Klick weit entfernt sei.

Und das ist ein weiterer, wichtiger Aspekt, der Twitter so einzigartig macht – so “unique”.
Aber-Millionen von Usern auf einer einzigen Plattform, die keine einzige Werbung (oder neudeutsch “Ad”) angezeigt bekommen.

Und da sollen Firmen und Agenturen keinen Platz haben?

Doch!
Haben Sie, aber eben in einem ganz anderen Sinne, als der bislang bekannte.
Ich will etwas von den Agenturen erfahren, ich will ihnen auch auf Twitter followen.

ABER: Nicht aus dem bisherigen Blickwinkel zahlreicher Firmen/Agenturen.

Ich will sie auch(!) authentisch erleben – eben lebensnah.
Ich will von Erfolgen genauso lesen, wie von Missgeschicken, ich will die Menschen dahinter, Backstage-Fotos von Werbe-Shootings auf Twitpic sehen, Outtakes und und und…

Dann – und nur dann – sind diese Twitter-Accounts für mich relevant und nicht nur mehr wert, sondern besitzen auch echten Mehrwert. ;)

In diesem Sinne und viel Spaß beim Zwitschern “da draußen”,
Eric

PS: Unter @hdcnews findet ihr mich auf Twitter ;)